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Dienstag, 29. Dezember 2009

Hilfe für den Hund am Sylvestertag – oder: Ist die Menschheit verrückt geworden?! - Artikel von Clarissa v. Reinhardt

Die Silvesternacht ist nach wie vor ein großes Thema in Hundeforen und die Telefonate mit ratlosen Hundebesitzern häufen sich. Aus diesem Grund hier auch ein Artikel der bekannten Hundetrainerin und Verhaltensberaterin, Clarissa v. Reinhardt, zum Thema.




„Alle Jahre wieder...“ kommt leider nicht nur das Christkind, sondern pünktlich eine Woche später auch die große Knallerei. Weihnachten gilt als stilles und besinnliches Fest, an dem es gar nicht ruhig genug sein kann, selbst unser altes deutsches Liedgut preist die „Stille Nacht, heilige Nacht...“ , aber nur sieben Tage später scheint die Menschheit regelmäßig verrückt zu werden. Es kann gar nicht laut und grell genug werden – ganz gleich, einen wie hohen Preis wir dafür zahlen.
Ebenfalls fragt sich alle Jahre wieder der gesunde Menschenverstand, wie es sein kann, dass angesichts (ver)hungernder Menschen und Tiere, einer kriselnden Weltwirtschaft und scheinbar nicht lösbarer Umweltprobleme, die uns irgendwann alle miteinander mit einem ganz großen Knall ins Jenseits befördern könnten, überhaupt ein Mensch so verrückt sein kann, Geld für Raketen, Böller und Tischfeuerwerk auszugeben?! Ja wissen die Leut` denn wirklich nichts Besseres damit anzufangen? Für die ganz Ideenlosen wüsste ich da ein paar Umwelt- und Tierschutzorganisationen, die um jeden Cent dankbar wären. Auch das Frauenhaus, die Welt- hungerhilfe und Aktion Mensch hätten sicher einen besseren Verwendungszweck für die Milliarden, die da alljährlich in die Luft gepulvert werden.

Und nun möge mir bloß keiner mit der Tradition kommen! Ach, so vieles wird unter dem Deckmäntelchen der Tradition fortgeführt, so vieles, das man lieber bleiben lassen sollte: Der Stierkampf, die Treibjagd, Pferderennen oder auch die Unterdrückung der Frau, die nach wie vor in vielen Ländern dieser Erde zur guten (?) alten Tradition gehört. Na ja, manchmal ist die Tradition halt auch mehr alt als gut und gehört einfach abgeschafft. Es lohnt, darüber nachzudenken.
Als Tierhalterin habe ich mir die Knallerei schon als Jugendliche abgewöhnt. Zu sehr taten mir die Hunde (und Katzen!) leid, wenn sie sich zitternd unter der Eckbank verkrochen und tagelang nicht mehr aus dem Haus trauten. Ich dachte an die Wildtiere, die ebenfalls voller Angst und Schrecken flüchten und Schutz suchen vor einer nicht benennbaren und nicht verstehbaren Gefahr.
In meiner Hundeschule mehren sich jetzt wieder die Anrufe der Verzweifelten, die fragen, ob ich Tipps hätte, wie man mit dem geliebten Vierbeiner die Jahreswende halbwegs schadlos übersteht. Immer wieder stellt man mir die Frage, ob ich mich da auskenne. Oh ja, da kenne ich mich sogar sehr gut aus, denn drei meiner sieben Hunde haben schreckliche Angst und zwei fürchten sich zumindest etwas. Mit den folgenden, jahrelang im Ernstfall erprobten Tipps kommen wir ganz gut über die Runden:

Die einfachste Lösung zuerst: Hauen Sie mit Ihrem Hund einfach für ein paar Tage ab. Buchen Sie eine einsame Berghütte irgendwo im Nirgendwo. Das müssen Sie allerdings rechtzeitig tun, denn einsame Berghütten gibt`s bei weitem nicht so viele wie genervte Hundehalter, die diese zur Jahreswende händeringend suchen. Reisen Sie schon ein paar Tage vor Sylvester ab und bleiben Sie auch etwas länger, denn wie wir alle wissen, beginnt die Knallerei schon Tage vor dem ganz großen Spektakel und zieht sich auch noch bis zum zweiten oder dritten Januar hin.
Wenn diese Lösung nicht möglich ist, wäre mein wichtigster Tipp, dass Sie Ihrem Hund so viel Ruhe wie möglich vermitteln und durch Idolfunktion vorleben, dass Ihnen der ganze Rummel gar nichts ausmacht. Für mich ist dies zugegeben der schwierigste Part, denn tatsächlich
könnte ich jedem, der da draußen rumknallt, ebenfalls eine knallen – kleine Kinder, die noch nicht wissen, was sie tun, ausgenommen.

Durch die Stimmungsübertragung beeinflussen wir unsere Hunde ganz enorm, je gelassener Sie also sind, desto eher kann Ihr Hund sich zumindest etwas beruhigen. Aber erwarten Sie bitte nicht, dass Ihr Hund keine Angst mehr hat, nur weil Sie keine haben, denn ganz so einfach läuft es nicht. Es ist etwa wie bei einem bevorstehenden Besuch beim Zahnarzt, der Ihnen große Angst macht: Ein Partner, der Ihnen Mut zuspricht und Gelassenheit ausstrahlt, hilft zumindest etwas – einer der glaubt, man brauche doch keine Angst haben, weil er/ sie ja schließlich auch keine Angst hat, hilft überhaupt nicht, sondern nervt einfach nur.

Tipp Nummer zwei steht in direktem Zusammenhang mit Tipp Nummer eins: Haben Sie Zeit für Ihren Hund, stehen Sie ihm durch Anwesenheit zur Verfügung und ermöglichen Sie ihm das Kontaktliegen, wenn er es wünscht. Hierbei müssen Sie aber sehr präzise arbeiten, damit es nicht zu einer so genannten unbewussten Bestätigung kommt. Keinesfalls heißt dies nämlich, dass Sie Ihren Hund auf den Arm nehmen, herumtragen oder auf den Schoß setzen sollen, während Sie ihn streicheln und in endlosen Litaneien bedauern, denn dieses Verhalten würde die Angst Ihres Hundes nur verstärken. Allerdings sollten Sie andererseits auch keinesfalls – wie von manchen Trainern empfohlen – Ihren Hund ignorieren, wenn er Angst hat. Dieser Tipp, der die oben genannte „unbewusste Bestätigung“ verhindern soll, ist weit über das Ziel hinaus geschossen, denn wenn Sie Ihren Hund ignorieren, wenn er Angst hat, was vermitteln Sie ihm dann?! Dass Ihnen seine Angst vollständig egal ist und er sich an jemand anderen wenden muss, wenn er Unterstützung und Schutz braucht – und das ist für eine gute Bindung und ein angestrebtes Vertrauensverhältnis zwischen Hund und Halter das reinste Gift! Deshalb haben wir seit Jahren ein Ritual eingeführt, das bestens funktioniert:

Unser Wohnzimmer wird zu einer Liegelandschaft umgebaut. Zugegeben, bei nur einem Hund oder zweien ist das nicht nötig, es reicht ein bequemes Sofa, aber wir haben ja sieben... Einer von uns hält sich die meiste Zeit über auf der „Liegewiese“ auf, meistens lesen wir oder telefonieren mit Freunden. Die Hunde kommen ganz von selbst und suchen den Körperkontakt, wenn die Knallerei losgeht. Sie legen sich mit hin, dürfen sich ankuscheln und unsere Nähe spüren. Einem von ihnen hilft es besonders, wenn wir ihn mit einer Decke so zudecken, dass nur noch sein Kopf rausschaut – er fühlt sich so eingehöhlt sicherer. Wenn die, die besonders große Angst haben, anfangen zu hecheln oder uns anzupföteln, reagieren wir darauf nur geringfügig und sagen einfach nur kurz „Ist schon o.k.“ oder Ähnliches und strahlen weiterhin heitere Gelassenheit aus. Um diese Stimmung zu erzeugen, helfen übrigens Bücher des Dalai Lama ausgesprochen gut!

Zusätzlich läuft bei uns der Fernseher in einer Lautstärke, die gut erträglich ist, aber doch den Lärm von draußen zumindest teilweise abmildert. Diese Geräuschkulisse kann die Knallerei natürlich nicht übertönen, dann würden uns – und besonders unseren Hunden, deren Gehör viel feiner ist – ja die Ohren weh tun. Aber sie verhindert eine allzu starke Fokussierung auf die Knallgeräusche. Der besondere Tipp: Auf 3 SAT laufen jedes Jahr ab 11.00 Uhr vormittags bis weit nach Mitternacht Mitschnitte von tollen Live-Konzerten der vergangenen Jahre. Echte Sahnestücke der Musikgeschichte, von Phil Collins über U2, Michael Jackson, Pink oder Tina Turner, es ist für so ziemlich jeden Musikgeschmack etwas dabei.

Sehr hilfreich ist auch eine CD, die es als Beigabe zu dem Buch „Mit den Ohren eines Hundes“ (sehr zu empfehlen!) gibt. Die auf ihr zu hörende Musik wurde nach jahrelangen Forschungen auf dem Gebiet der Psycho-Akustik arrangiert und ist speziell auf das akustische Wahr-
nehmungsvermögen von Hunden abgestimmt. Sie wirkt beruhigend und wird bereits erfolgreich in Tierheimen, Hundepensionen und Tierkliniken eingesetzt.

Sobald es am Nachmittag auch nur ansatzweise dämmrig wird, machen wir überall im Haus das Licht an, um die von draußen kommenden Lichtreflexe zu mildern. Sollten Sie Gardinen oder Rollos haben, sollten Sie diese schließen. Manchmal hört man den Tipp, mit dem Hund am besten in den Keller zu gehen, im Idealfall in einen Keller ohne Fenster. Dies ist allerdings nur dann sinnvoll, wenn Sie das nicht ausschließlich zu Sylvester tun – sonst kann es schnell passieren, dass der Hund bereits das Heruntergehen in den Keller fürchtet, weil es für ihn in direktem gedanklichen Zusammenhang mit der Knallerei steht. Sollten Sie aber eine Art eingerichteten Hobbyraum haben, den Sie regelmäßig nutzen, kann es tatsächlich hilfreich sein, Sylvester dort unten zu verbringen, bis gegen 2.00 oder 3.00 Uhr nachts zumindest die schlimmste Knallerei vorbei ist.

Die Gassi-Runden reduzieren wir auf kurze Gänge in der Nähe des Hauses, damit die ängstlichen Hunde das Gefühl haben, jederzeit auf dem schnellsten Weg wieder nach Hause zu können. Ist „die Fluchtburg“ in kürzester Zeit erreichbar, fühlt sich so mancher Hund zumindest etwas besser. Wenn Sie einen Garten haben, können Sie das Rausgehen auch auf diesen beschränken. Wir gehen am 31. Dezember immer eine ganz lange Runde sehr früh am Morgen, so gegen 6.00 Uhr – da ist es noch weitgehend ruhig. Danach bleiben wir mit den ängstlichen Hunden auf unserem Grundstück.

Wenn Sie einen Hund haben, der in Panikattacken verfällt, wenn er es – selbst in größerer Entfernung – knallen hört, dann führen Sie ihn an den Tagen rund um Sylvester mit doppelter Leinensicherung und bleiben Sie in der Nähe Ihres Hauses oder Ihres offen stehenden (!) Autos, denn für diese Hunde ist das Erreichen „der Fluchtburg“ eine Frage des Überlebens.
Von der häufig empfohlenen Gabe von Medikamenten möchte ich dringend abraten! Zunächst einmal ist wichtig zu wissen, dass jedes Psychopharmaka eine so genannte Umschlagwirkung zeigen kann. Das bedeutet in diesem Fall, dass der Hund nicht beruhigt, sondern ganz im Gegenteil, jetzt erst richtig hoch gefahren wird. Der Kreislauf wird aktiviert, der Puls rast wie verrückt, der Hund kommt nicht mehr zur Ruhe und der so gestresste Organismus nimmt die Außenreize durch die Adrenalinausschüttung noch stärker wahr. Vor ein paar Jahren wurde ich am Sylvesterabend von einer völlig verzweifelten Hundehalterin angerufen, bei deren Eurasier- Rüden genau das passiert war. Der Hund drehte völlig durch, speichelte, raste fieberhaft nach Unterschlupf suchend durch das Haus und war kaum noch ansprechbar. Die Tierärztin, die das Mittel verschrieben hatte, empfahl am Telefon, den Hund in die Praxis zu bringen, was vollkommen ausgeschlossen war für die Halterin, weil er sich nicht einmal mehr anfassen ließ, ohne deutlich drohend zu fletschen – was er übrigens sonst nie tat! Als ich nach halbstündiger Fahrt dort ankam, war der Hund bereits so durchgedreht, dass ich einen Kreislaufkollaps befürchtete. Uns blieb also nichts anderes übrig, als uns auf den Hund zu stürzen, ihn – halb im Würgegriff – ins Auto zu zerren und in die Klinik meines Vertrauens zu bringen. Dort wurde er in Narkose gelegt, um ihn erst einmal ruhig zu stellen. Dann wurde er an den Tropf gehängt, um die Wirkstoffe in seinem Körper möglichst schnell auszuschwemmen. Es dauerte mehr als 14 Tage, ehe dieser Hund sich halbwegs erholt hatte und sein Frauchen und mich wieder vertrauensvoll an sich heran ließ. Er war damals fünf Jahre alt und ich kannte ihn seit seiner Welpenzeit. Er hatte uneingeschränktes Vertrauen zu mir und seiner Halterin bis zu diesem Abend gehabt...

In einem anderen Jahr rief mich am 05. Januar eine Dame an, deren Hund sich seit Sylvester völlig verändert hatte. Er zitterte, sobald er nur angesprochen wurde und reagierte extrem auf
jegliche Außenreize, die mit Geräuschen oder Licht zu tun hatten. Er flüchtete zum Beispiel in Panik unter den Küchentisch, als vor dem Haus die Straßenlaterne anging. Beim Beratungsgespräch stellte sich dann heraus, dass auch dieser Hund auf Anraten eines befragten Tierarztes Medikamente verschrieben bekommen hatte. Er wählte ein Mittel aus, das hauptsächlich auf der Basis eines Muskelrelaxans wirkte, das Bewusstsein aber kaum beeinflusste. Im Klartext bedeutete dies, dass dieser arme Hund, der schon immer große Angst vor Sylvester hatte, alles um sich herum mitbekam, aber unfähig war, sich zu bewegen. Gefangen im eigenen Körper konnte er weder hecheln, noch herumlaufen oder sich verkriechen, so wie er es sonst immer getan hatte. Die Folgen waren fatal – dieser Hund erlitt ein Trauma, von dem er sich nie mehr richtig erholte. Er hatte für den Rest seines Lebens Probleme und die Halterin verfluchte den Tag, an dem er das „Beruhigungsmittel“ bekommen hatte.

Ich könnte noch einige solcher Beispiele nennen, die ich im Laufe der Jahre miterlebt habe. Es waren weit mehr als nur diese beiden und aus diesem Grund würde ich die Gabe von Medikamenten nicht empfehlen. Ich kenne keinen einzigen Hund, der sich nicht über kurz oder lang wieder erholt hätte nach der Knallerei – aber einige, die durch Medikamentengabe traumatisiert wurden. Selbstverständlich gibt es auch Hunde, die die Medikamentengabe gut vertragen – nur weiß man vorher nicht, ob es so sein wird und mir ist das Risiko für die mir anvertrauten Tiere definitiv zu groß, falls es nicht so sein sollte.

Hingegen macht eine Kollegin von mir recht gute Erfahrungen mit der Gabe von Bach-Blüten. Suchen Sie sich einen seriösen Therapeuten, der eine individuelle Mischung für Ihren Hund zusammenstellt. Die im Handel erhältlichen, fertigen Mischungen möchte ich Ihnen nicht empfehlen, da sie der eigentlichen Lehre Bach`s und seinem Verständnis über die Wirkung der Blütenmittel nicht entsprechen. Eine Umschlagwirkung ist hier nicht bekannt, es soll aber nicht verschwiegen werden, dass es in seltenen Fällen zu einer Erstverschlimmerung der Symptome kommen kann, ähnlich wie wir sie aus der Homöopathie kennen. Sollte diese gerade an Sylvester auftreten, wäre das natürlich fatal. Deshalb ist eine vorherige Gabe zum Ausprobieren empfohlen.
Einigen Hunden hilft auch der D.A.P.-Stecker recht gut, der im Fachhandel erhältlich ist. D.A.P. ist die Abkürzung für Dog Appeasing Pheromone. Diese Pheromone sind Duftstoffe, die eine Mutterhündin während der Laktationsphase zwischen der Milchleiste absondert und die beruhigend auf die Welpen wirken. Man fand heraus, dass diese Wirkung auch noch bei erwachsenen Hunden eintritt und schließlich gelang es, diese Pheromone zu synthetisieren. Steckt man nun diesen Stecker in die Steckdose, wird der Geruch der Pheromone ausgeströmt. Wichtig ist hierbei allerdings, dass Sie dem Hund die Gelegenheit geben, den Raum zu verlassen, wenn er das wünscht, denn nicht alle Hunde mögen diesen Geruch und nicht auf alle wirkt er beruhigend! Beobachten Sie Ihren Hund, ob er sich freiwillig in die Nähe des Steckers begibt und tatsächlich ruhiger wird oder ob ihm dieser Geruch völlig egal zu sein scheint oder er sogar den Raum verlässt. Auch hier ist es sinnvoll, nicht erst am Sylvesterabend auszuprobieren, welche Reaktionen Ihr Hund zeigt, fangen Sie ruhig schon ein bis zwei Wochen vorher damit an. Auf gar keinen Fall sollten Sie die ebenfalls erhältlichen D.A.P.- Halsbänder verwenden, denn einmal angelegt kann der Hund sich eben nicht mehr frei entscheiden, ob er den Geruch sucht oder meidet, sondern ist ihm ausgeliefert. Interessant ist, dass der Hersteller anfangs, als es nur die Stecker gab, selbst ausdrücklich darauf hinwies, wie wichtig es ist, dem Hund die Möglichkeit zum Ausweichen zu geben. Trotzdem hat er dann die Halsbänder und auch noch ein Spray auf den Markt gebracht. Man macht sich so seine Gedanken, was hinter diesem Sinneswandel steckt...
Für viele Menschen ist übrigens unklar, warum Hunde gerade vor Sylvester so große Angst haben. Manchmal sogar solche, die zum Beispiel keine Probleme mit Schüssen oder Gewitter haben. Der Grund liegt wahrscheinlich darin, dass durch die Knallerei gleich mehrere Sinne deutlich überstrapaziert werden: Der Gehörsinn durch den Lärm, der Gesichtssinn (die Augen) durch die ungewohnten und in großer Anzahl auftretenden Lichtreflexe und der Geruchssinn durch den Gestank, den die Böller verursachen und der ebenfalls ungewohnt ist für den Hund.
Abschließend wünsche ich Ihnen und Ihrem Hund (oder Ihren Hunden) eine möglichst ereignislose Sylvesternacht und hoffe, dass die hier zusammengefassten Tipps helfen, mit möglichst viel Ruhe und Frieden ins neue Jahr zu kommen!

Clarissa v. Reinhardt
www.animal-learn.de

P.S. : Als Autorin erlaube ich ausdrücklich, diesen Text ungekürzt, unverändert und unter Nennung der o.g. Quelle weiträumig zu verbreiten. Wenn Sie ihn erhalten haben, freue ich mich, wenn Sie ihn an Freunde und Bekannte weiter schicken, ihn in Foren oder auch gern auf Ihre eigene Homepage stellen. Sie dürfen ihn auch ausdrucken, kopieren und verteilen. Desto mehr Menschen er erreicht, desto mehr Tieren kann hoffentlich geholfen werden. 

Freitag, 25. Dezember 2009

Aufmerksamkeit in 4 Schritten



Wir wünschen ein Frohes Weihnachtsfest! 

Ein paar meiner neuen Kunden können es gar nicht erwarten, mit dem Training ihres neuen Familienmitglieds anzufangen, andere haben jetzt endlich die Muße, das lange vernachlässigte Training wieder aufzufrischen. Die ruhigen Tage zwischen den Festtagen bieten sich geradezu an, an den Trainingsgrundlagen zu arbeiten.

Auf die Frage, womit man am sinnvollsten anfangen könnte, fiel mir eigentlich nur eine Antwort ein: Aufmerksamkeitstraining! Wenn mein Hund mir keine Beachtung schenkt, kann ich mir nämlich alles Weitere sparen - er wird mich nicht hören, weil er gerade auf etwas anderes konzentriert ist.

Besonders die Halter von Rassen, die nicht zur engen Zusammenenarbeit gezüchtet wurden, müssen hier zunächst etwas Zeit investieren: während der durchschnittliche Border Collie einem den lieben langen Tag Löcher in den Kopf bohrt, weil er darauf warten, dass etwas Spannendes passiert, wird zum Beispiel ein Beagle eher damit beschäftigt sein, all die tollen Dinge auf seiner Liste abzuarbeiten, angefangen bei Mülleimer inspizieren, Probeliegen auf dem Sofa, Zeitung "lesen", Schläfchen halten, Nachbarskatze jagen, Küche nach Essensresten absuchen, Nachbarn verbellen... Was sich alles ganz prima ohne Ihre Hilfe erledigen lässt.

Der Mangel an Aufmerksamkeit ist leider auch oft der Grund dafür, dass Hundehalter ihren Hund aufgeben, und ihn als "untrainierbar" abstempeln. Dabei muss Aufmerksam einfach nur geübt werden, so wie jedes andere Verhalten auch. Wie können Sie also Ihren Hund dazu bringen, dass er Ihnen bei Bedarf die nötige Aufmerksamkeit schenkt?


Schritt 1

Fangen Sie zu Hause ohne Ablenkung an (deswegen bieten sich die Weihnachtsferien an, wo man viel Zeit zu Hause verbringt...). Bewaffnen Sie sich mit hochwertigen Leckerchen (NICHT das alltägliche Trockenfutter, jedenfalls nicht für den Anfang) und einem Clicker. Achten Sie darauf, was Ihr vierbeiniger Freund so treibt. Wenn er zu Ihnen schaut, klicken Sie und werfen Sie ihm ein Leckerchen zu. Ihr Hund muss nicht in Ihrer Nähe sein, es geht darum, das er schaut, was Sie so machen. 


Spielen Sie dieses Spiel über den Tag verteilt, und wenn Ihr Hund regelmäßig nach Ihnen schaut, versuchen Sie den Blickkontakt zu verlängern, in dem Sie den Klick eine Sekunde herauszögern. Arbeiten Sie sich auf mehrere Sekunden hoch. Sehr schnell wird Ihr Hund Ihnen immer wieder seine Aufmerksamkeit schenken.

Zu diesem Zeitpunkt können Sie auch ein Signalwort einführen - schließlich soll Ihr Hund auch mal einfach nur Hund sein dürfen und nicht ständig hinter Ihnen herlaufen. Ab jetzt wird der Hund nur noch belohnt, wenn er nach dem Signalwort bei Ihnen "eincheckt". Wenn Sie mit Ihrer Übungseinheit fertig sind geben Sie Ihr Signal, dass er jetzt wieder frei hat ("Frei", "OK")



Schritt 2

Jetzt beginnen Sie damit, kontrollierte Ablenkungen einzuführen. Ihr Hund sollte in der Lage sein, auch mit Ablenkungen Blickkontakt zu halten. Steigern Sie den Grad der Ablenkung langsam. Also zum Beispiel:
  1. Jemand macht nebenan im Raum Lärm
  2. Jemand kommt in den Raum, in dem Sie sich mit dem Hund befinden
  3. Jemand kommt in den Raum und bewegt sich in Richtung Hund
  4. Jemand kommt herein und stellt sich neben den Hund
  5. Jemand kommt herein und lehnt sich über den Hund
  6. Jemand kommt herein und berührt den Hund an der Schulter
  7. ...
Je nach Hund können Sie weitere Situationen schaffen, in dem Sie Essen ins Spiel bringen (jemand isst ein Brot in der Nähe des Hundes), weitere Haustiere einbeziehen, etc. 
 
Übertreiben Sie aber die einzelnen Schritte nicht; je kleiner die Annäherungen, desto schneller lernt Ihr Hund! Sinn ist nicht den Hund hereinzulegen, sondern er soll Erfolg haben können! Sollte Ihr Hund zunächst auf den Neuankömmling schauen ist das OK, so lange er seine Aufmerksamkeit dann wieder Ihnen zuwendet. Mit etwas Übung soll er sich dann ausschließlich auf Sie konzentrieren können, auch wenn neben ihm jemand einen Big Mac verzehrt oder einen doppelten Rittberger auf dem Küchenfussboden hinlegt (Etwas Komisches passiert = ich konzentriere mich auf meinen Menschen).
 
Schritt 3
 
Zeit nach draussen zu gehen: wenn Sie einen eingezäunten Garten haben, perfekt, ansonsten tut es auch eine Schleppleine in einer sicheren Umgebung. Spazieren Sie etwas herum und klicken Sie, wenn Ihr Hund ihnen seine Aufmerksamkeit schenkt. Glauben Sie mir, er wird schon sehr schnell an Ihren Fersen kleben!
 
Schritt 4
 
Jetzt können Sie die heimischen Gefilde verlassen. Beginnen Sie mit der Strasse vor Ihrem Haus, einem einsamen Park und arbeiten Sie sich bis zur Fussgängerzone am Samstag morgen herauf (immer vorausgesetzt, Ihr Hund hat keine Probleme mit Menschen/anderen Hunden, etc.). Ein Besuch in der Tierhandlung, der Parkplatz vor dem Tierarzt, der Wildtierpark, neben einer Schule... Ihrer Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. 

Wechseln Sie Phasen, in denen der Hund auf Sie achten soll mit Phasen ab, wo er einfach nur schnüffeln, schauen und er selbst sein darf. So können Sie sicher sein, dass Sie die Aufmerksamkeit Ihres Hundes jederzeit auf sich lenken können, wenn Sie dies für notwendig halten.

Damit haben Sie und Ihr Hund die wichtigste Grundlagenübung für weiteres Training gemeistert!



Dienstag, 15. Dezember 2009

Feuerwerkphobie

Eine häufig auftretendes Problem gegen Ende des Jahres ist immer wieder das bevorstehende Silvesterfest. Viele Hunde leiden so stark an Lärmphobien, dass sie professionelle Hilfe benötigen. Was können Sie als Halter eines Hundes tun, der sich zu Silvester zitternd in der Ecke verkriecht, unkontrolliert hechelt oder bellt oder sich gar selber in dem Bestreben verletzt, dem Lärm zu entkommen?

Leider gibt es immer noch viele Hundehalter, die der Meinung sind, dass der gestresste Hund sich schon an den Lärm gewöhnen wird, und über die Hälfte aller Hundehalter unternimmt nichts gegen das Problem. In der Tat werden Lärmphobien in der Regel von Jahr zu Jahr schlimmer und bessern sich nur sehr selten von alleine.

Es gibt heutzutage eine steigende Anzahl an Medikamenten, die bei der Behandlung von Feuerwerksphobien helfen. Viele basieren auf einer neuen Generation von stimmungsaufhellenden oder angstlösenden Medikamenten für den menschlichen Gebrauch. Es gibt aber auch eine ganze Reihe von natürlichen, auf Kräutern basierenden Mitteln.

Zum Glück liegt das Sedieren des Hundes heute in der Vergangenheit. Ein sedierter Hund hat noch mehr Angst als zuvor, denn jetzt muss er sich nicht nur um den Lärm sorgen, sondern ist körperlich so eingeschränkt, dass er nicht versuchen kann, dem unangenehmen Lärm zu entkommen. Letztlich ist das Ziel nicht den Hund mit starken Tranquilizern ruhig zu halten, sondern dafür zu sorgen, dass der Hund sich wirklich ruhiger und entspannter fühlt, so dass er zwar mitbekommt, was um ihn herum passiert, ihn dies aber nicht über Gebühr beunruhigt.

Was können Sie also tun, um Ihrem Hund über die Silvesternacht zu helfen?

Grundsätzliches
  • Lassen Sie Ihren Hund nicht alleine zu Hause
  • Stellen Sie sicher, dass Ihr Hund drinnen ist, wenn es laut wird. Machen Sie einen langen Spaziergang, bevor es dunkel wird.
  • Schließen Sie Fenster und Vorhänge/Rolladen
  • Lassen Sie den Fernseher oder das Radio laufen
  • Wenn Ihr Hund dazu bereit ist, spielen Sie während des Feuerwerks mit ihm
  • Belohnen Sie Ihren Hund, wenn er während der Knallerei ruhig bleibt
Desensibilisierung

Auf lange Sicht ist dies die beste Methode; der Hund lernt, dass die Geräusche gar nicht so schlimm sind und gewöhnt sich daran. Bei dieser Methode wird mit Geräusch CDs gearbeitet, die das Geräusch von Feuerwerk (Gewitter, Schüssen, etc. ) realistisch reproduzieren. Man beginnt damit, diese sehr leise zu spielen, am Besten, während man gleichzeitig etwas Schönes mit dem Hund macht (also Spielen, Massieren, Füttern, etc.). Über einen Zeitraum von Wochen oder sogar Monaten - je nach dem wie empfindlich Ihr Hund ist - wird die Lautstärke erhöht. Diese Methode funktioniert nicht bei allen Hunden, ist aber einen Versuch wert. Besonders zur Vorbeugung bei Welpen sind diese Geräusch CD sehr hilfreich, damit Phobien gar nicht erst entstehen.

Alternative Mittel


Zusätzlich zu dem verhaltenstherapeutischen Ansatz hat sich der Einsatz von Kräutern, Bach-Blüten oder homöopathischen Mitteln bewährt. Einige davon können kurzfristig angewendet werden (z. B. Bachblüten Rescue Remedy aus der Apotheke oder von Fressnapf), andere erfordern eine gewisse Vorlaufzeit (z.B. Scullap and Valerian tablets von Dorwest Herbs, auf Baldrian basierende Tabletten).



TTouch und Body Wraps

Viele TTouch-Anwender bieten besonders zum Ende des Jahres Seminare an, in denen Sie lernen können, wie die beruhigenden TTouches Ihrem Hund über die Silvesternacht helfen können. Dazu gehört auch die Anwendung von Body Wraps. Letzteres können Sie versuchsweise auch schon mit einem Kinder-T-shirt ausprobieren.

DAP-Spender

Manche Hunde reagieren positiv auf die Anwendung von D.A.P. (Dog Appeasing Pheromones).  Dabei handelt es sich um eine Art Duftspender, die für den Menschen geruchlos ist, für den Hund aber den Geruch einer laktierenden Hündin abgeben. Verständlicherweise wird dies von vielen Hunden als beruhigend empfunden. Der Spender wird einfach in die Steckdose gesteckt und hält einen Monat (kann dann nachgefällt werden). Mittlerweise gibt es D.A.P. auch als Halsband und Spray, wobei diese meiner Erfahrung nach nicht so gut funktionieren. Die Spender sind im Internet oder vom Tierarzt erhältlich.

Zusätzlich zur Anwendung von oben genannten Mitteln hat es sich bewährt, dem Hund eine Höhle anzubieten, in der er sich verstecken kann. Bereits an Hundeboxen gewöhnte Hunde verkriechen sich in der Regel dankbar in ihrem Versteck, das man mit einer dunklen Decke noch gegen Geräusche und Licht isolieren kann. Gleiches funktioniert aber auch mit einer Eckbank oder einer anderen, ruhigen Stelle. Wenn Ihr Hund sich verkriechen möchte, sollten Sie nicht versuchen, ihn daran zu hindern! Im Gegenteil, machen Sie ihm seine Höhle schon lange vorher mit Kauartikeln oder tollem Spielzeug schmackhaft. Es lohnt sich, den Hund beizeiten an einen solchen Platz zu gewöhnen. 

Wenn gar nichts mehr hilft und Ihr Hund wirklich leidet könnte man auch überlegen, ihn in eine (ihm bekannte!) Tierpension zu geben, wenn dort keine Feuerwerkskörper geschossen werden. Oftmals liegen diese Pensionen ja außerhalb von Wohngebieten, so dass Feuerwerk dort kein Problem ist.

Mit ein bisschen Vorbereitung bleibt Ihnen dann hoffentlich erspart, was eine Kundin das letzte Jahr gemacht hat: sie verbrachte Silvester zwischen 23:45 und 0:30 Uhr mit ihrem Hund auf dem Gästeklo, weil dies der einzige fensterlose Raum im Haus war...

In diesem Sinne: Einen Guten Rutsch ins neue Jahr!


Mittwoch, 25. November 2009

Er hört einfach nicht!

Wenn unsere Hunde manchmal einfach nicht das tun wollen, was wir von ihnen verlangen, sollten wir mit der Ursachenforschung bei uns anfangen

Es gibt viele Gründe, warum Hunde im Training einfach nicht machen, was wir gerade verlangt haben. Natürlich ist der häufigste Grund der, dass wir einfach nicht genug Zeit darauf verwendet haben, ihm das gewünschte Verhalten wirklich beizubringen. Aber es gibt auch viele andere Gründe, abgesehen von "menschlichem Versagen", die dazu führen können, dass unser Hund unsere Signale nicht befolgen wird (oder befolgen kann).

Er versteht einfach nicht, was Sie von ihm wollen

Manchmal versteht der Hund einfach nicht, was Sie von ihm wollen. Das kann uns sehr verärgern und den Hund sehr frustrieren. Obwohl wir der Meinung waren, dass er ein bestimmtes Verhalten verstanden hat - besonders wenn er dies schon ein paar mal ausgeführt hat - kann es doch sein, dass er gar nicht wirklich weiß, was ein bestimmtes Signal bedeuten soll.

Nehmen wir das gute alte Sitz als Beispiel. Normalerweise geben Sie das Signal für Sitz, wenn der Hund vor Ihnen steht. Es kann durchaus sein, dass er daraufhin sofort sein Hinterteil auf den Boden plumpsen lässt. Aber jetzt geben Sie das Sitz Signal, wenn er neben Ihnen steht. Plötzlich hat er keine Ahnung mehr, was Sie von ihm wollen! Vielleicht bedeutet Sitz ja für ihn, dass er Ihnen ins Gesicht gucken, nicht dass er sein Hinterteil auf den Boden setzen soll. Das Endergebnis ist natürlich zunächst das Gleiche - die meisten Hunde setzen sich automatisch hin, wenn sie uns ins Gesicht schauen wollen.

Sie verwenden unterschiedliche Signale

Offensichtlich, und doch ein häufiger Fehler. Ich erwische mich selber auch schon mal dabei, Signale dadurch zu verändern, in dem ich Gesten der Wörter hinzufüge, den Ton meiner Stimme verändere oder meine Körperposition eine andere ist. Für den Hund sieht das dann nicht mehr aus wie das ursprünglich trainierte Signal, und er versteht mich nicht mehr. Wer hat seinem Hund in einem Moment der Panik noch nie "Komm sofort her!" hinterher gerufen, obwohl das Signal fürs Kommen normalerweise einfach "Komm" ist?



Leider macht uns (nicht den Hund) das Hinzufügen von Wörtern oder Gesten in einem schwachen Moment glauben, das dies funktioniert.  Stellen Sie sich vor, Sie geben Ihrem Hund das Signal für Platz. Ihr Hund ist aber abgelenkt und beachtet Sie nicht. Entnervt werden Sie etwas nachdrücklicher, heben zum Beispiel die Stimme ein wenig und zeigen auf den Boden oder beugen sich nach vorne. Jetzt legt Ihr Hund sich hin. Sie glauben natürlich, dass Ihre erhöhte Stimme, das Zeigen auf den Boden oder das Vorbeugen Ihren Hund dazu gebracht haben, sich hinzulegen, also machen Sie das beim nächsten Mal wieder so. Dieses Mal guckt Ihr Hund Sie aber ratlos an, denn Sie haben das Signal für Platz geändert. Das hat nicht nur unmittelbare Konsequenzen (verwirrter Hund, der immer noch nicht liegt), sondern auch für die Zukunft: Wenn Ihr Signal einen unangenehmen Beigeschmack bekommt - Frustration, Angst, Ärger - wird der Hund in Zukunft noch weniger geneigt sein, das gewünschte Verhalten anzubieten.

Das Verhalten wurde noch nicht generalisiert

Ein weiterer Klassiker. Wie oft höre ich von einem hilflosen Hundebesitzer während einer Gruppenstunde: "Aber zu Hause hat er das noch gemacht!". Jeder, der mit seinem Hund am Hundesport teilnimmt, kennt das Problem ebenfalls zur Genüge und weiß, wie wichtig es ist, ein Verhalten zu generalisieren. Da stehen Sie in Ihrem Wohnzimmer, und Ihr Hund geht perfekt bei Fuss, kommt beim Rückruf angeschossen wie ein Pfeil und zeigt einen anbetungswürdigen Apport. Begeistert melden Sie sich zu einem Obedience-Wettbewerb an - ein Fleckchen Gras mitten auf einem Stadtfest, nur abgetrennt durch ein paar Seile. Ihr Hund benimmt sich, als hätte er Sie noch nie zuvor in seinem Leben gesehen, und ganz bestimmt hat er noch nie mit Ihnen trainiert!

Hunde generalisieren Verhalten nicht gut auf neue Situationen. Deswegen müssen Sie neue Verhalten in vielen verschiedenen Situationen, zu verschiedenen Zeiten und an unterschiedlichen Orten üben - je mehr, desto besser. Nur so wird ein Verhalten zuverlässig. Das ist besonders wichtig, wenn Sie ein bestimmtes Verhaltensmuster durch ein neues Verhalten erstezen wollen. Also, statt Ihren Besuch anzuspringen wie bisher, soll Ihr Hund sich nun hinsetzen, wenn Freunde zu Besuch kommen. Und diejenigen unter Ihnen, die Hundesport betreiben möchten, müssen dies in einem ähnlichen Kontext trainieren - auch wenn das bedeutet, dass Sie am Samstag morgen Ihren eigenen Ring im Stadtpark errichten und einen Freund sie mir "links herum, rechts herum" herumkommandieren darf.

Ihr Hund muss mal...

Ein Selbsterklärer. Aber es kommt immer wieder vor, dass Hunde sich vor dem Training nicht ausreichend entleeren konnten oder Trainingseinheiten zu lange sind, und der Welpe schon wieder muss.

Ihr Hund ist müde, fühlt sich nicht gut oder hat Schmerzen

Jeder weiß, dass Welpen sich nur sehr kurz konzentrieren können, bevor sie wieder eine Pause brauchen. Trotzdem bekomme ich oft genug Welpen zu Gesicht, die schlicht und einfach total übermüdet sind. Das sieht dann aus, als ob sie hyperaktiv wären und gar nicht wissen wohin mit all der Energie. In Wirklichkeit braucht der Welpe dringend ein Schläfchen. Sobald Sie den Welpen in seiner Aktivität bremsen, fällt er dankbar in tiefen Schlaf. Manchmal braucht dies eine Hundebox oder einen anderen ruhigen Ort, damit das Hundebaby zur Ruhe kommen kann. Vergessen Sie auch nicht, das mentale Beschäftigung auch für heranwachsende oder ältere Hunde ermüdend sein kann, besonders, wenn Sie etwas Neues üben und der Hund dies zu Anfang noch schwierig findet. Deswegen sollte man immer in kurzen Einheiten üben.

Wenn dem Hund der Kopf weh tut, der Magen rumort oder er sonstwie krank ist, dann kann er Ihnen das natürlich nicht mitteilen. Wenn Ihr Hund, der sonst immer eifrig mitarbeitet, aber plötzlich zögert, dann sollten Sie sein Wohlbefinden in Betracht ziehen.

Ihr Hund ist nicht motiviert

Sie sind der Meinung, Ihr Hund sollte freudig zu Ihnen gerannt kommen, wenn Sie ihn rufen? Schließlich tätscheln Sie ihm den Kopf und geben ihm ein Stück Trockenfutter? Das sieht er ganz anders! Falls sich Ihr Hund nicht die Bohne dafür interessiert mit Ihnen zu üben, oder geradezu enttäuscht aussieht, wenn Sie ihm seine Belohnung anbieten und danach selektives Hören entwickelt, dann sagt Ihnen das etwas über die Wertigkeit Ihrer Belohnung. Belohnung ist, was Ihr Hund dafür hält!

Abgesehen von der Wertigkeit Ihrer Belohnung sollten Sie auch überdenken, wie interessant Sie für Ihren Hund sind. Wenn Ihr Hund jederzeit von Ihnen bekommt was er will, inklusive Ihrer Aufmerksamkeit, dann ist die Umwelt auf einem Spaziergang durchaus auch mal interessanter. Schließlich hat er Sie den ganzen Tag. Und wenn Sie dann noch während dem Spaziergang "einfach nur an ihm dranhängen", dann dürfen Sie sich nicht wundern, wenn die Kaninchenspur vielversprechender erscheint. Wenn Sie dagegen auch mal unverhofft Ihren Hund zu sich rufen, um ein Spiel zu initiieren oder etwas Spannendes zu unternehmen, dann lohnt es sich für Ihren Hund, mit Ihnen "Zusammenzuarbeiten".

In welchem Zustand befindet sich Ihr Hund sonst, wenn Sie trainieren wollen? Ist er voller Energie, weil die Spaziergänge in den letzten Tagen sehr kurz ausgefallen sind? Dann sollten Sie vielleicht nicht gerade versuchen, ihm etwas beizubringen, das Geduld und Ruhe erfordert und ein bisschen langweilig für ihn ist (zum Beispiel das Bleib). Gibt er sich Mühe, zeigt aber Anzeichen von Frustration? Das kann schnell dazu führen, dass die Motivation allgemein abnimmt, also bieten Sie ihm auch mal eine Belohnung dafür an, dass er weiter versucht.

Ihr Hund ist übermotiviert

Im Gegensatz zu den Vertretern, die nicht richtig motiviert scheinen, können manche Hunde scheinbar an nichts anderes denken, als an die Belohnung. Der futtergierige Beagle oder der ballverrückte Border Collie fallen mir dazu spontan ein. Ein Collie Mischling bei mir im Training ist so verrückt nach ihrem Frisbee, dass schon dessen Anwesenheit in einem 200m Radius dazu ausreicht, ihr Hirn implodieren zu lassen! Sie kann sich dann auf nichts und niemanden konzentrieren oder gar selbständig denken. Aus diesem Grund wird das Frisbee höchstens mal als Überraschungsbelohnung am Ende einer Trainingseinheit hervorgezaubert, nach einem besonders schwierigen Verhalten. Manche Hunde regen sich bei der Aussicht auf ein bestimmtes Spielzeug, eine Futterbelohnung so auf, dass sie zu nichts zu gebrauchen sind. (Davon ab empfiehlt es sich, solchen Hunden andere - ruhige - Spiele beizubringen, wie Such- und Nasenspiele, um die "Abhängigkeir" und den damit verbundenen Serotoninkick etwas zu reduzieren. Aber das ist eine andere Geschichte).

Ehrlich gesagt, wenn Sie dieses Problem haben, dürfen Sie sich gar nicht beschweren! Wenn Ihr gieriger Labrador fast Ihre Finger bei dem Versuch verschluckt, an den Käse in Ihrer Hand zu kommen, dann wechslen Sie für das alltägliche Training zu langweiligerem Trockenfutter und sparen sich den Käse als Jackpot für besondere Gelegenheiten, wenn er etwas so Tolles gemacht hat, dass Sie es mit einem Käseschauer für immer in seinem Gedächtnis fixieren möchten.

Ihr Hund nimmt etwas wahr, das Sie nicht sehen können

Ablenkung ist natürlich der bekannteste Feind jeder Trainingseinheit, besonders im frühen Stadium, wenn Sie etwas Neues üben. Deswegen macht es Sinn, neue Verhalten zunächst in ruhiger und bekannter Umgebung zu üben. Dies ist einer der Hauptgründe, warum viele Hunde in Gruppenstunden zunächst überfordert sind. Dort herrscht alleine durch die Anwesenheit der anderen Menschen und Hunde so viel Ablenkung, dass sich viele Hunde nicht auf ihren Hundehalter konzentrieren können - und schon gar darauf, etwas Neues zu lernen. Wenn Ihr Hund den Übungsaufbau grundsätzlich verstanden hat, können Sie - Schritt für Schritt - Ablenkungen hinzufügen.

Trotzdem sollten Sie bedenken, dass Ihr Hund durch etwas abgelenkt sein könnte, das Sie gar nicht als Ablenkung empfinden. Ein nervöser Hund, der gerne seinen Abstand zu Artgenossen hält wird eine Übung verweigern, wenn ihn diese zu nahe an einen anderen Hund führt. Ein Welpe, der noch nie ein Flugzeug gesehen hat wird innehalten, und dieses am Himmel beobachten wollen, wenn es über das Trainingsgelände fliegt.

Wenn Sie also das nächste Mal versucht sind zu denken: "Er weiß genau, was er machen soll!", dnn halten Sie kurz inner und fragen sich, ob das wirklich so ist. Manchmal gibt es eine gute Erklärung für vermeintlichen "Ungehorsam".